Der Kaffee steht dampfend auf dem Frühstückstisch. Die Cola wartet im Kühlschrank, der Wein ruht im Keller und irgendwo in einer Sporttasche kullert eine Flasche Energy Drink herum. Alle schweigen. Zum Glück.
Denn was wäre, wenn unsere Getränke plötzlich reden könnten? Wenn sie genug hätten von all den schönen Werbeversprechen, den grossartigen Gesundheitstheorien und den Kennern, die nach dem dritten Glas plötzlich einen ganzen Rebberg herausschmecken?
Wir haben acht beliebten Getränken das Wort erteilt. Und ihnen ausdrücklich erlaubt, einmal die Wahrheit zu sagen. Das Ergebnis dürfte nicht jedem schmecken.
Kaffee: «Ohne mich kämen Sie morgens nicht einmal bis zur Kaffeemaschine.»
«Seien wir vernünftig. Jeden Morgen dasselbe Theater. Der Wecker klingelt, Sie verhandeln mit Ihrem Kopfkissen, und irgendwann schleppen Sie sich in die Küche. Dort warten Sie auf mich, als wäre ich die letzte Rettung der Zivilisation.
Kaum haben Sie mich getrunken, halten Sie sich wieder für einen leistungsfähigen Menschen. Sie sprechen ganze Sätze, lesen Ihre E-Mails und grüssen sogar die Nachbarn.
Und was bekomme ich dafür? Einen schmutzigen Löffel und die Bemerkung, ich sei heute etwas zu stark geraten.
Übrigens: Ich arbeite seit Jahrzehnten im Frühdienst. Über eine Lohnerhöhung hat noch niemand mit mir gesprochen.»
Grüner Tee: «Ich bin ein Getränk. Ihr persönlicher Heilsbringer bin ich nicht.»
«Sie trinken mich mit einer Feierlichkeit, als hätten Sie gerade den Schlüssel zum ewigen Leben gefunden. Eine Tasse Grüntee, und schon sehen Sie sich innerlich auf dem Weg zu vollkommener Gesundheit.
Sie erzählen Ihren Freunden von Antioxidantien, Pflanzenstoffen und fernöstlicher Weisheit. Dabei haben Sie gestern Abend noch eine ganze Packung Guetzli verdrückt.
Gewiss, ich enthalte interessante Pflanzenstoffe. Und ich kann durchaus Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein. Aber Ihren Bewegungsmangel beseitige ich ebenso wenig wie den Stress mit Ihrem Chef.
Trinken Sie mich, weil ich Ihnen schmecke. Dann verstehen wir uns ausgezeichnet. Für Wunder wenden Sie sich bitte an eine andere Abteilung.»
Cola: «Ich bin süss, spritzig und habe ein ziemlich gutes Gedächtnis.»
«Sie behaupten regelmässig, heute nur Wasser zu trinken. Dann kommt die Pizza, der Hamburger oder der Sonntagsfilm, und plötzlich fällt Ihnen wieder ein, wie gut wir beide zusammenpassen.
Das freut mich natürlich. Ich bin schliesslich für meinen Geschmack bekannt und habe nie behauptet, ein gewöhnliches Mineralwasser zu sein.
Allerdings sollten wir über Ihren abendlichen Konsum sprechen. In der klassischen Variante bringe ich Zucker und Koffein mit. Letzteres kann dafür sorgen, dass Sie um Mitternacht noch hellwach über Dinge nachdenken, die Sie längst vergessen wollten.
Und dann schimpfen Sie am nächsten Morgen über den schlechten Schlaf.
Ich möchte bloss festhalten: Ich habe Sie nicht gezwungen, die zweite Flasche zu öffnen.»
Craft Beer: «Sie schmecken also ‹subtile Zitrusnoten›? Wie interessant.»
«Früher bestellte man ein Bier. Heute wird zuerst die Herkunft des Hopfens erörtert, anschliessend die Braumethode und schliesslich die Frage, ob der Abgang eher harzig oder tropisch-fruchtig ausfällt.
Sie halten mich gegen das Licht, drehen das Glas und nicken bedeutungsvoll. Dann sagen Sie: ‹Eine spannende Interpretation.›
Eine Interpretation wovon, darf ich fragen?
Verstehen Sie mich richtig: Ich mag Menschen, die sich für gutes Bier interessieren. Die Vielfalt der Braukunst verdient durchaus Aufmerksamkeit. Aber gelegentlich beschleicht mich der Verdacht, dass Sie vor allem die Aufmerksamkeit der anderen Gäste verdienen möchten.
Mein Vorschlag: Nehmen Sie einen Schluck. Wenn ich Ihnen schmecke, freuen wir uns beide. Den Vortrag über meine Aromastruktur können Sie sich für später aufheben.»
Wein: «Nach zwei Gläsern besitzen Sie plötzlich einen eigenen Rebberg.»
«Kaum werde ich eingeschenkt, verändert sich die Unterhaltung. Aus gewöhnlichen Menschen werden Kenner. Man spricht von Tanninen, Terroir, Ausbau und einem erstaunlich langen Abgang.
Besonders liebe ich den Satz: ‹Der hat etwas von dunklen Beeren, Leder und feuchtem Waldboden.›
Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass ich aus Trauben gemacht wurde. Der Waldboden ist höchstens eine Geschmacksassoziation.
Natürlich besitzt guter Wein eine bemerkenswerte Vielfalt an Aromen. Wer sich ernsthaft damit beschäftigt, kann viel entdecken. Aber ich habe auch nichts dagegen, einfach zum Abendessen getrunken zu werden.
Sie müssen mir nicht jedes Mal eine Doktorarbeit widmen.
Und noch etwas: Teuer ist nicht automatisch gut. Das dürfen Sie gerne Ihrem Schwager weitersagen.»
Smoothie: «Sie haben mich getrunken. Das Obst hätte man auch kauen können.»
«Ich bin bunt, ich bin fotogen, und in einem durchsichtigen Glas sehe ich besonders gesund aus. Deshalb stehen Sie mit mir gerne vor dem Küchenfenster, fotografieren mich und erzählen anschliessend der halben Welt, wie bewusst Sie sich ernähren.
Das ist nett. Aber haben Sie sich einmal überlegt, was in mir steckt?
Drei Bananen, eine Mango, Beeren, vielleicht etwas Honig und ein ordentlicher Schuss Fruchtsaft. Das läppert sich. Auch natürlicher Fruchtzucker bleibt Zucker.
Wenn Sie ganze Früchte essen, haben Sie häufig länger etwas davon. Vor allem dann, wenn Sie sich beim Kauen etwas Zeit lassen.
Ich möchte Ihnen den Genuss keineswegs verderben. Nur bitte erzählen Sie nicht, ich würde ganz allein sämtliche Ernährungsprobleme lösen.
Und stellen Sie mich nicht schon wieder neben Ihre Turnschuhe. Ich bin ein Getränk, kein Fitnessabonnement.»
Whisky: «Sie müssen nicht aussehen wie ein Filmstar, um mich zu geniessen.»
«Sobald Sie mich in der Hand halten, nehmen Sie eine besondere Haltung ein. Sie lehnen sich zurück, schauen nachdenklich in die Ferne und wirken, als hätten Sie gerade eine schwierige Entscheidung über das Schicksal der Welt getroffen.
Dabei überlegen Sie bloss, ob Sie noch ein paar Salzstängeli holen sollen.
Offenbar glauben manche Menschen, dass ein Whiskyglas ihnen automatisch Charakter, Lebenserfahrung und einen Hauch geheimnisvoller Männlichkeit verleiht.
Ich kann Sie beruhigen: Der Geschmack eines guten Whiskys ist auch ohne diese Vorstellung interessant genug. Er darf nach Malz, Holz, Rauch oder Früchten schmecken. Und Sie dürfen ihn sogar mögen, ohne die Geschichte jeder schottischen Brennerei auswendig zu kennen.
Setzen Sie sich bequem hin. Geniessen Sie einen kleinen Schluck. Und hören Sie bitte auf, den einsamen Helden aus dem letzten Kriminalfilm zu spielen.»
Energy Drink: «Sie nennen es Energie. Ihr Körper nennt es Koffein.»
«Sie haben zu wenig geschlafen, zu viel gearbeitet und möchten trotzdem bis Mitternacht durchhalten. Also greifen Sie nach mir.
Ich komme in einer auffälligen Dose, trage einen sportlichen Namen und verspreche Ihnen ein Leben voller Tatendrang.
Was ich tatsächlich mitbringe, ist je nach Sorte eine ordentliche Portion Koffein und häufig auch Zucker. Das kann Sie vorübergehend wacher machen. Schlaf lässt sich damit allerdings nicht dauerhaft ersetzen.
Wenn Sie es übertreiben, kann es zu Herzklopfen, Nervosität oder Schlafproblemen kommen. Dann stehen Sie am nächsten Morgen wieder müde auf und greifen erneut nach meiner Dose.
Ein bemerkenswertes Geschäftsmodell, finden Sie nicht?
Versuchen Sie es zwischendurch einmal mit einer Pause. Oder mit Schlaf. Ich weiss, das klingt erschreckend altmodisch.»
Und was würden Sie Ihrem Lieblingsgetränk antworten?
Unsere acht Getränke haben gesprochen. Manche mit leichter Verbitterung, andere mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Vor allem aber haben sie uns daran erinnert, dass sich rund ums Trinken allerhand menschliche Eigenheiten beobachten lassen.
Der Kaffeetrinker hält sich nach der zweiten Tasse für unbesiegbar. Der Weinliebhaber entdeckt Aromen, die selbst dem Winzer neu sein dürften. Und der Whiskyfreund schaut so bedeutungsvoll ins Glas, als läge darin die Lösung sämtlicher Lebensfragen.
Zum Glück nehmen Getränke unsere Eitelkeiten gelassen. Sie lassen sich weiterhin einschenken, trinken und geniessen.
Und sollten Sie demnächst beim Öffnen einer Bierflasche eine leise Stimme hören, die sagt: «Nun geniess mich doch einfach», dann wissen Sie wenigstens, woher sie kommt.
Wir von von Arx Getränke wünschen Ihnen viel Vergnügen – und hoffen, dass Ihre Getränke auch künftig einigermassen verschwiegen bleiben.
Dieser Beitrag ist eine humorvolle Betrachtung unserer Trinkgewohnheiten. Die Aussagen der Getränke sind selbstverständlich frei erfunden.
