Der Kopf drückt, der Mund ist trocken, und beim Gedanken ans Frühstück meldet sich der Magen. Am Abend zuvor waren ein paar Bier zu viel im Spiel. Doch lag es an der Menge oder doch am Weizenbier? Dessen Ruf ist in dieser Hinsicht erstaunlich hartnäckig.
Tatsächlich unterscheiden sich Biere in ihrer Zusammensetzung. Für die Behauptung, Weizenbier verursache grundsätzlich den stärksten Kater, reichen die häufig zitierten Messwerte allerdings nicht aus.
Woher der schlechte Ruf kommt
Die Zahlen stammen aus einer Untersuchung, über die bereits 2003 berichtet wurde. Im Rahmen einer Diplomarbeit an der Fachhochschule Münster wurden verschiedene Biere auf sogenannte Fuselalkohole untersucht. Für Weizenbiere wurden rund 160 Milligramm pro Liter genannt, für Pilsener und Exportbiere meist 60 bis 90 Milligramm.
Aus diesen Unterschieden wurde rasch eine griffige Schlagzeile: Weizenbier macht den grössten Kater. Die Untersuchung der Inhaltsstoffe beantwortet jedoch eine andere Frage als ein Vergleich der Beschwerden am nächsten Morgen. Ein höherer Messwert allein zeigt noch nicht, wie stark Kopfschmerzen, Übelkeit oder Müdigkeit nach dem Trinken ausfallen. Auch lassen sich die damaligen Werte nicht pauschal auf sämtliche heutigen Biere übertragen.
Was beim Brauen neben Alkohol entsteht
Während der Gärung bildet die Hefe neben dem Trinkalkohol Ethanol verschiedene Begleitstoffe. Dazu gehören höhere Alkohole, die häufig als Fuselalkohole bezeichnet werden. Solche Stoffe gehören zur Zusammensetzung alkoholischer Getränke und tragen zu deren Aroma bei.
Dass Begleitstoffe einen Kater verstärken können, zeigen Untersuchungen mit Spirituosen. In einer Studie mit 95 jungen Erwachsenen fielen die Beschwerden nach Bourbon stärker aus als nach Wodka. Bourbon enthält deutlich mehr Begleitstoffe. Der hohe Alkoholkonsum beeinträchtigte bei beiden Getränken den Schlaf und bestimmte Leistungen am folgenden Morgen.
Daraus lässt sich jedoch keine verlässliche Rangliste für Weizenbier, Pils und Lager ableiten. Und ein weniger heftiger Kater bedeutet keineswegs automatisch, dass man wieder vollständig leistungsfähig ist.
Die Menge macht den grösseren Unterschied
Bei allen Diskussionen über einzelne Inhaltsstoffe gerät der wichtigste Auslöser leicht aus dem Blick: der Alkohol selbst. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit kommt zum Schluss, dass Ethanol einen deutlich stärkeren Einfluss auf den Kater hat als die Begleitstoffe.
Deshalb lohnt sich zuerst ein Blick auf die Grösse des Glases und den Alkoholgehalt. Ein halber Liter Bier mit fünf Volumenprozent enthält rund 20 Gramm reinen Alkohol. Bei drei Dezilitern derselben Stärke sind es rund zwölf Gramm. Beides zählt am Tisch als «ein Bier», für den Körper ist der Unterschied erheblich.
Wer nach mehreren grossen Gläsern Weizenbier am nächsten Morgen Beschwerden hat, kann die Ursache deshalb kaum allein der Biersorte zuschreiben.
Warum sich der Morgen danach so unangenehm anfühlt
Ein Kater hat mehrere Ursachen. Alkohol erhöht die Flüssigkeitsausscheidung, reizt den Magen und stört den Schlaf. Auch Entzündungsreaktionen und die beim Alkoholabbau entstehenden Stoffe können zu den Beschwerden beitragen.
Das erklärt, weshalb ein Glas Wasser vor dem Zubettgehen keine Garantie für einen guten Morgen ist. Es kann Flüssigkeit ersetzen, behebt aber weder den gestörten Schlaf noch die übrigen Folgen des Alkoholkonsums. Wie stark jemand reagiert, ist zudem von Mensch zu Mensch verschieden.
Bier auf Wein – hilft die alte Regel?
Auch die Reihenfolge der Getränke wird gerne verantwortlich gemacht. «Bier auf Wein, das lass sein», heisst es dann. Eine Studie mit 90 Erwachsenen überprüfte diese Vorstellung: Die Teilnehmenden tranken Bier und Weisswein in unterschiedlicher Reihenfolge oder jeweils nur eines der beiden Getränke.
Für die Stärke des Katers machte die Reihenfolge keinen entscheidenden Unterschied. Die Untersuchung liefert damit keinen Rückhalt für die bekannte Trinkregel.
Was sich für den nächsten Abend daraus lernen lässt
Wer am nächsten Morgen möglichst beschwerdefrei aufstehen möchte, setzt am besten bei der Alkoholmenge an. Ein kleineres Glas oder der Wechsel zu einem alkoholfreien Getränk hilft, insgesamt weniger Alkohol zu trinken. Wasser zwischendurch löscht den Durst, beschleunigt jedoch den Alkoholabbau nicht.
Auch Kaffee, eine kalte Dusche oder ein «Konterbier» machen den Körper nicht schneller wieder fit. Er braucht Zeit zur Erholung. Sicher vermeiden lässt sich ein alkoholbedingter Kater durch den Verzicht auf Alkohol.
Ob Weizenbier, Pils oder Lager ins Glas kommt, darf eine Frage des Geschmacks bleiben. Für den nächsten Morgen zählt vor allem, wie viel Alkohol über den ganzen Abend zusammenkommt.
Beitragsbild: mit KI erstellt.
Quellen und weiterführende Informationen
- Der Standard: Sechzig Fusel-Biere – Bericht vom 27. Mai 2003 über die Untersuchung verschiedener Biere an der Fachhochschule Münster.
- Rohsenow und weitere Autoren: Intoxication with bourbon versus vodka – Studie zu Katerbeschwerden, Schlaf und Leistungsfähigkeit am Folgetag, veröffentlicht 2010.
- Rohsenow und Howland: The role of beverage congeners in hangover and other residual effects of alcohol intoxication – Wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Rolle von Begleitstoffen, veröffentlicht 2010.
- Köchling und weitere Autoren: Grape or grain but never the twain? – Kontrollierte Studie zur Reihenfolge von Bier und Wein und deren Einfluss auf den Kater, veröffentlicht 2019.
- National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism: Hangovers – Informationen zu Ursachen, Beschwerden und verbreiteten Irrtümern.
