Mai-Bowle – ein Frühlingsgetränk mit tausendjähriger Geschichte

Im Frühlingswald wächst ein kleines Kraut, dem man auf den ersten Blick kaum besondere Aufmerksamkeit schenken würde. Schmale, sternförmig angeordnete Blätter, zarte weisse Blüten und eine Vorliebe für schattige Waldböden. Wer es kennt, weiss allerdings, dass sich hinter dieser bescheidenen Erscheinung ein bemerkenswertes Aroma verbirgt.

Die Rede ist vom Waldmeister. Seit Jahrhunderten wird er verwendet, um Getränken einen unverwechselbaren Duft zu verleihen. Besonders berühmt wurde er durch die Mai-Bowle, die auch Waldmeisterbowle oder Maiwein genannt wird.

Ein Glas davon, gut gekühlt und in angenehmer Gesellschaft genossen, gehört zu den schönen kulinarischen Vergnügungen des Frühlings.

Ein Getränk aus dem Kloster

Die Geschichte des Maiweins reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Bereits im Jahr 854 wird ein entsprechender Trank im Zusammenhang mit dem Benediktinermönch Wandalbert von Prüm erwähnt.

Im Kloster Prüm, in der heutigen Eifel, kannte man offenbar die Vorzüge aromatisierter Weine. Dem damaligen Maiwein wurden neben Waldmeister auch andere Kräuter beigegeben. Solche Zubereitungen galten zu jener Zeit als stärkende oder heilkräftige Getränke.

Mit der heutigen Bowle, wie wir sie an Frühlingsfesten servieren, hatte dieser mittelalterliche Kräuterwein noch wenig gemeinsam. Doch die Grundidee war bereits vorhanden: Man nahm Wein, fügte aromatische Pflanzen hinzu und liess die Natur für den Geschmack sorgen.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich daraus unterschiedliche regionale Varianten. Besonders in Deutschland und im benachbarten Belgien blieb die Tradition lebendig. In der belgischen Stadt Arlon etwa gehört der sogenannte Maitrank bis heute zur regionalen Kultur.

Auch in der Schweiz ist die Waldmeisterbowle bekannt, wenn auch längst nicht überall gleich verbreitet.

Waldmeister – ein Kraut mit besonderem Duft

Der Waldmeister trägt den botanischen Namen Galium odoratum. Er wächst bevorzugt in schattigen, humusreichen Laubwäldern und gehört zur Familie der Rötegewächse.

Seinen charakteristischen Duft verdankt er dem Aromastoff Cumarin. Interessanterweise entfaltet sich das typische, an frisch geschnittenes Heu erinnernde Aroma besonders deutlich, wenn die Pflanze etwas anwelkt.

Wer Waldmeister frisch pflückt und daran riecht, wird deshalb oft erstaunt sein, wie zurückhaltend er zunächst duftet. Erst nach einiger Zeit entwickelt sich jener vertraute Geruch, den viele mit Waldmeister verbinden.

Allerdings verdient die Pflanze einen sorgfältigen Umgang. Cumarin kann in grösseren Mengen gesundheitlich unerwünschte Wirkungen haben. Übermässiger Genuss kann unter anderem Kopfschmerzen und Übelkeit verursachen.

Für die Mai-Bowle verwendet man deshalb nur eine kleine Menge Waldmeister, vorzugsweise vor der Blüte geerntet. Auch die Ziehzeit sollte begrenzt bleiben.

Das klassische Rezept für Mai-Bowle

Für eine gute Mai-Bowle braucht es nur wenige Zutaten. Entscheidend sind ein angenehmer Weisswein, sorgfältig dosierter Waldmeister und genügend Zeit zum Kühlen.

Zutaten für etwa 8–10 Gläser:

  • 1 Liter trockener, fruchtiger Weisswein
  • 500 ml gut gekühlter Sekt oder trockener Schaumwein
  • 3–5 g frischer Waldmeister, möglichst vor der Blüte geerntet
  • 1 unbehandelte Zitrone
  • Nach Belieben 1–2 EL Zucker
  • Einige frische Erdbeeren zur Dekoration

Zubereitung:

Den Waldmeister vorsichtig abspülen und gut trocken tupfen. Anschliessend auf Küchenpapier zwei bis drei Stunden an einem kühlen Ort anwelken lassen. Dadurch entwickelt sich sein typisches Aroma.

Den Weisswein in eine ausreichend grosse Glasschüssel oder einen Krug giessen.

Die Waldmeisterstängel zu einem kleinen Sträusschen zusammenbinden. Das Bündel so in den Wein hängen, dass die Blätter eintauchen, die abgeschnittenen Stielenden jedoch oberhalb der Flüssigkeit bleiben.

Den Waldmeister etwa 20 bis 30 Minuten ziehen lassen. Danach vollständig entfernen.

Den aromatisierten Wein gut kalt stellen.

Kurz vor dem Servieren den gekühlten Sekt hinzufügen. Wer die Bowle etwas süsser mag, kann zuvor wenig Zucker im aromatisierten Wein auflösen.

Die Zitrone in dünne Scheiben schneiden. Einige davon zusammen mit halbierten Erdbeeren in die Bowle geben.

Gut gekühlt servieren.

Wichtig: Verwenden Sie ausschliesslich sicher bestimmten Waldmeister und überschreiten Sie die angegebene Menge nicht. Eine längere Ziehzeit oder mehr Kraut macht die Bowle keineswegs besser.

Was passt zu einer Mai-Bowle?

Die klassische Waldmeisterbowle besitzt einen feinen Kräutergeschmack. Er sollte den Wein begleiten und keinesfalls überdecken.

Dazu passen einfache Frühlingsgerichte: Spargel, leichte Käsehäppchen, kleine Sandwiches oder ein frisch gebackenes Brot mit Kräuteraufstrich.

Auch Erdbeeren harmonieren ausgezeichnet mit dem Getränk. Allerdings ist weniger oft mehr. Wer eine ganze Obstschale in die Bowle leert, erhält am Ende einen Fruchtsalat mit Wein.

Die Mai-Bowle lebt gerade von ihrer Schlichtheit.

Eine alkoholfreie Variante

Wer auf Alkohol verzichten möchte, kann eine ebenso erfrischende Variante zubereiten.

Dafür ersetzt man den Weisswein durch naturtrüben Apfelsaft oder weissen Traubensaft. Anstelle des Sekts verwendet man gut gekühltes Mineralwasser mit Kohlensäure.

Der Waldmeister wird in derselben zurückhaltenden Menge und für dieselbe kurze Zeit im Saft ziehen gelassen. Anschliessend das Kraut entfernen, die Mischung kühlen und erst unmittelbar vor dem Servieren mit Mineralwasser auffüllen.

Ein paar Zitronenscheiben und frische Erdbeeren runden den Geschmack ab.

Diese alkoholfreie Mai-Bowle eignet sich besonders für Familienfeste oder einen gemütlichen Nachmittag im Garten.

Ein alter Brauch in neuer Gesellschaft

Die Mai-Bowle erinnert an eine Zeit, als die Jahreszeiten den Rhythmus des Lebens noch stärker bestimmten. Im Frühling sammelte man frische Kräuter, im Sommer Früchte und Beeren, im Herbst wurden Vorräte angelegt.

Das Wiedererwachen der Natur war ein Anlass zum Feiern. Man kam zusammen, ass, trank und freute sich darüber, dass die langen Wintermonate überstanden waren.

Die Mai-Bowle fügt sich wunderbar in diese Tradition ein.

Heute braucht es dafür weder ein grosses Frühlingsfest noch eine besondere Zeremonie. Ein paar Freunde, ein Tisch im Garten oder auf dem Balkon und ein Krug frisch zubereiteter Bowle genügen.

Und wer Waldmeister im eigenen Garten kultiviert, hat sogar die wichtigste Zutat gleich vor der Haustür.

Auf den Frühling!

Vielleicht liegt der besondere Reiz der Mai-Bowle gerade darin, dass sie sich kaum beschleunigen lässt. Der Waldmeister muss zuerst anwelken, der Wein braucht Zeit, um das Aroma aufzunehmen, und schliesslich möchte das Getränk ordentlich gekühlt werden.

Man muss sich also ein wenig gedulden.

Eine durchaus vernünftige Übung in einer Zeit, in der gewöhnlich alles sofort verfügbar sein soll.

Wenn die Bowle dann auf dem Tisch steht, die ersten Gläser eingeschenkt werden und die Frühlingssonne noch ein wenig Wärme spendet, hat sich die Geduld gelohnt.

Wir von von Arx Getränke wünschen Ihnen einen schönen Frühling, gesellige Stunden und viel Freude beim Ausprobieren dieses alten Rezepts. Zum Wohl!

Hinweis: Waldmeister enthält Cumarin. Verwenden Sie für selbstgemachte Getränke nur kleine Mengen, halten Sie die Ziehzeit kurz und verwenden Sie ausschliesslich Pflanzen, die Sie sicher bestimmen können. Auch bei der alkoholfreien Variante gelten diese Vorsichtsmassnahmen.

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